Offener Brief an den Präsidenten der Universität Hamburg

Sehr geehrter Herr Lüthje,

mit Verärgerung haben wir zur Kenntnis genommen, daß Sie sich als Präsident der Universität Hamburg jüngst erneut für Studiengebühren ausgesprochen haben. "Lüthje hält eine Semestergebühr von 500 Euro für ‚sinnvoll und notwendig'." (Hamburger Abendblatt, 28.01.2005)
Mit der Befürwortung von Gebühren geben Sie der neoliberalen Politik des Hamburger rechten Senats und dem Druck der Hamburger Handelskammer statt, unterstützen sie eine Entwicklung der Zerstörung humanistischer Wissenschaftskultur und widersprechen sie zum wiederholten Mal den Beschlüssen der Gremien der Akademischen Selbstverwaltung gegen die Einführung von Studiengebühren.

In der aktuellen yousee, dem Magazin der Uni-Pressestelle, antworten Sie auf die Interviewfrage "Wird sich nach Ihrer Einschätzung durch die Erhebung von Studiengebühren etwas an dem Verhältnis zu den Studierenden ändern?" wie folgt: "Ich bin überzeugt, daß sich das Verhältnis zwischen Universität und Studierenden in beide Richtungen verändern wird. Die Studierenden werden sehr viel eindeutiger ihre Erwartungen formulieren, und die Universität wird sich diesen Erwartungen stellen müsse."
Hier lassen Sie unter den Tisch fallen, daß sich mit der individuellen Kostenpflichtigkeit des Studiums in erster Linie die Erwartungen selbst ändern und ändern sollen. ( Nur nebenbei sei angemerkt, daß die Studierenden gesetzlich verankert Mitglieder und damit Bestandteil der Universität und nicht etwas ihr äußerliches sind.) Die veränderte Studienerwartung ist für die Apologeten der Gebühren die entscheidende beabsichtigte Wirkung. So schrieb die Handelskammer bereits 1999:
"Durch den Übergang von der Objekt- zur Subjektförderung und die Einführung von Kostenbeiträgen werden die Studierenden ihre Ausbildung als Investition in ihre Zukunft, als Investition in ihr Humanvermögen verstehen und sich Gedanken über die Rendite der Investition machen." ("Hamburger Hochschulen reformieren - mehr Freiheit für unternehmerisches Handeln").
Komme ich jung genug auf den Arbeitsmarkt? Lerne ich, was ich lernen soll? Bin ich besser als die anderen? Nicht die souveräne Vertretung bewußt reflektierter Studieninteressen, sondern die gehetzte und getriebene Erfüllung fremdgesetzter Normen ist die Wirkung der Gebühren. Die Antizipation der gewinnsüchtigen Erwartungen künftiger Arbeitgeber soll die Studierenden sich selbst zu willigem Humankapital machen lassen wollen.
Das Studium als Neugier für die Welt und andere Menschen, wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung als Bestandteil gesellschaftlichen Fortschritts, lernendes Forschen und forschendes Lernen als solidarisches Kooperation von Studierenden, Lehrenden und den Kollegen der Verwaltung - all dies soll so zerstört und für die Zukunft unmöglich werden.

Die Unterwerfung der Wissenschaft und ihrer Subjekte unter die schönfärberisch "Standortinteressen" genannten Profitwünsche von Großunternehmen kann nicht sozial gerecht sein.
Während eben diese Großkonzerne, wie der Presse allenthalben zu entnehmen ist, Rekordgewinne einstreichen, sollen Studierende und bisweilen auch die Mittelstandshaushalte der Akademiker zum Sündenbock für wachsende soziale Unsicherheit, Armut und Massenarbeitslosigkeit erklärt werden (z. B. Dorothea Frede, C4-Professorin, ebenfalls in der yousee: "Da hierzulande junge Eltern einen erheblichen Teil ihres Einkommens für Kindergartenplätze aufwenden und jeder Steuerzahler Fortbildungskurse an der Volkshochschule bezahlen muß, ist nicht einsichtig, warum allein für Studierende eine Beteiligung als unerträgliche Härte gelten soll"). So dienen die Gebühren der Verschleierung der wahren Ursachen wachsender sozialer Ungleichheit - auch das kann beim besten Willen nicht "sozial gerecht gestaltet" werden.
Die soziale Selektivität von Gebühren erwies sich - als hätte es nicht international schon genug Studien mit dem selben Ergebnis gegeben - nun auch wieder in der jüngsten Studie des Hamburger Studentenwerks: "In Hamburg hat sich die Verteilung zugunsten der "höheren" und zu ungunsten der "niedrigen" sozialen Herkunftsgruppe stärker als im Bundesdurchschnitt verschoben." Ein Schelm, wer dabei an die "Langzeitstudiengebühren" denkt.
Als eine bemerkenswerte Mischung aus Fatalismus und Größenwahn erscheinen deshalb Ihre in der yousee geäußerten Auffassungen, auf der einen Seite die Studiengebühren als unumgänglichen Sachzwang leerer Staatskassen zu befürworten, auf der anderen Seite aber zu glauben, Sie könnten vom selben Staat die Finanzierung eines umfassenden Systems zum lückenlosen Ausgleich sozialer Nachteile erwirken. Lieber Herr Lüthje, sozialer Fortschritt wird nicht durch Einzelne in geschickten Verhandlungen erschlichen, er muß durch solidarisches Engagement errungen werden.

Wenn nun der Hamburger Wissenschaftssenator angekündigt hat, die Entscheidung über die Einführung von Studiengebühren den Hochschulen zu überlassen, so ist das ein Kampferfolg durch massive Proteste und Aufklärung für die gesellschaftliche Notwendigkeit eines gebührenfreien Studiums.
Diese Option ist positiv zu nutzen. Die zentralen Gremien der akademischen Selbstverwaltung haben sich ebenso wiederholt gegen Studiengebühren ausgesprochen wie die Studierenden auf Vollversammlungen, in einmütigen Beschlüssen des Studierendenparlaments, durch den AStA und die Fachschaftsräte und auf diversen Unterschriftenlisten*.
Wir fordern Sie auf, Herr Lüthje, sich dieser Universitätsposition gegen Studiengebühren anzuschließen und mit uns gemeinsam für die Aufrechterhaltung der Gebührenfreiheit des Studiums als Bestandteil der Umkehr zu gesellschaftlichem Fortschritt zu streiten.
Nur ein gebührenfreies Studium ermöglicht eine Wissenschaft, die nicht das Profitinteresse einiger weniger, sondern gesellschaftlich verantwortlich die Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen zum Gegenstand hat. Sich an der solidarischen Entwicklung einer solchen humanistischen Wissenschaft zu beteiligen, ermöglicht auch die souveräne Zurückweisung aller Sparerpressungen durch den Wissenschaftssenator.
Statt für den Griff in die Taschen der Studierenden und ihren Familien zu plädieren, streiten Sie mit uns gemeinsam dafür, das Geld wieder bei den Pfeffersäcken und Großaktionären zu holen. Eine solche Reform der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten schafft nicht nur die Bedingungen für eine humanistische Bildung (inklusive kostenfreier Kindertagesstätten und Volkshochschulkurse), sondern auch für vernünftige Kultureinrichtungen, sinnvolle Arbeit für Alle und eine menschenwürdige Gesundheitsversorgung - alles in allem also Voraussetzungen für die soziale und kulturelle Entfaltung der Menschen.
Dem sollte das Engagement aller gelten.

Mit streitbaren Grüßen
Kerstin Fremder-Sauerbeck, Niels Kreller, Till Petersen & Jan D. S. Wischweh
(Die ReferentInnen der Fachschaftsrätekonferenz)