Angst oder Entwicklungsfreude?

Studiengebühren sind menschenverachtend.

"Gib also, werde ich dem jungen Freund der Wahrheit und Schönheit zur Antwort geben, der von mir wissen will, wie er dem edeln Trieb in seiner Brust, bei allem Widerstande des Jahrhunderts, Genüge zu thun habe, gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten, so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen. Diese Richtung hast du ihr gegeben, wenn du, lehrend, ihre Gedanken zum Nothwendigen und Ewigen erhebst, wenn du, handelnd oder bildend, das Nothwendige und Ewige in einen Gegenstand ihrer Triebe verwandelst."
Friedrich von Schiller, Über die aesthetische Erziehung des Menschen, 9. Brief, 1795.

Aufrecht, gesellschaftskritisch, qualifiziert, heiter und solidarisch entfaltet sich der Mensch: Die bewußte Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen ist ein Bedürfnis aller. Dem dient das Streben nach Erkenntnis zur Verbesserung der menschlichen Lebenswelt und die geschichtsbewußte Kultivierung der eigenen Persönlichkeit. Kooperativ wird so die Humanisierung der sozialen Verhältnisse erreicht. Das ist - vom alltags-dominanten Koofmich verschüttet und verkehrt - der Motor gesellschaftlichen Fortschritts.

Studiengebührenbefürworter postulieren dagegen die neoliberale Ur-Lüge, einzig Konkurrenz befeuere den gesellschaftlichen Fortschritt; dies sei menschlich und natürlich. Zum Beispiel: "Studiengebühren sind das beste Mittel für mehr Gerechtigkeit bei der Finanzierung der Hochschulen und sorgen gleichzeitig für eine höhere Qualität des Studiums. Der zahlende Student wird zum Kunden, der einen Gegenwert für seine Gebühren erwartet. Im Wettbewerb um ihre Kunden müssen die Hochschulen ihre Angebote entsprechend anpassen." Das verlautbart die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", ein Lobbyverein der deutschen Metallindustrie und stimmt damit das Hohelied auf das gnadenlose Jeder gegen Jeden der entfesselten Marktwirtschaft an. Alle Kapitalverbände stimmen ein (siehe Text "Die freie Wirtschaft"). Aus ihrer Sicht griffen auch die unionsregierten Bundesländer viel zu kurz, als sie Ende März 2005 beschlossen, überall "höchstens" 500 Euro Studiengebühren zu erheben. Zu viel auf die Wähler geschielt: Von den Spitzen von BDA und BDI[1] tönte es, diese Obergrenze beschneide "unnötig Spielräume für mehr Wettbewerb und Profilbildung der Hochschulen". Die Messer werden gewetzt!

Zu dem totalitären Marktradikalismus der Neoliberalen gehört, daß die unregulierte Konkurrenz die einzelnen Hochschulen und alle ihre Mitglieder mit sich reißen soll. Das Ziel ist die Steigerung der Unternehmensgewinne durch verschärfte Ausbeutung der durch "Bildung" ökonomistisch normierten "Ressource" Mensch. Die Methode hierfür heißt "Angst".

Das erste Studiengebührengebot lautet folglich: Du sollst Dich fürchten! Kann ich mir ein Studium leisten? Wie lange? Kriege ich einen Job? Kann ich meine Darlehen abzahlen? Der soziale Druck der Gebühren soll Studierende zwingen, nur zu studieren, was vermeintlich oder tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt gut ankommt.

Habe Angst vor sozialer Unsicherheit!

Und es wird denunziert. Erstens: Nur wer der Wirtschaft dient, dient der Gesellschaft. Die Unterordnung unter die Verwertungsabsicht der privaten Ökonomie wird zum Interesse der Allgemeinheit umdefiniert. Wer sich dem entzieht oder gar widersetzt, wer meint, daß die Ökonomie dem Menschen zu dienen habe und deshalb länger, neugieriger, kritischer studiert, wird von Rechts als Schmarotzer am Gemeinwohl gebrandmarkt. Der krachende Widerspruch von wachsender Armut und Arbeitslosigkeit und überbordenden Gewinnen der Großunternehmen wird dafür beredt verschwiegen.

Denunziation zwei: Das Studium gelte als - zu bezahlende - Investition ins eigene "Humankapital". Behauptet wird damit, der Einzelne zöge Profit (!) aus seiner Arbeit. Bildung sei damit ein Einzelinteresse und nicht eine gesellschaftliche Notwendigkeit, ohne die alles (Produktion, Kultur, Dienstleistungen...) zum Erliegen käme.

Nun, Profit machen andere. Hochschulabsolventen können gleich allen Beschäftigten nur hoffen, daß sie einen Lohn erhalten, der zum Leben reicht. Dennoch: Habe Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung! Und: Habe Angst vor Deinen Kommilitonen! Ist nicht Deine "Leistung" nur besonders im Vergleich zu ihrer? Bist Du neidisch? Wirst Du ausgelacht?

Die erpreßte Orientierung an fremden Interessen bei der Wahl und Gestaltung des Studiums entfernt von den Kommilitonen, die einem unter der Dominanz der Ökonomie vor allem als Konkurrenten um künftige Stellen und Arbeitsplätze oder einfach gleichgültig gegenübertreten, nicht jedoch anregend und anzuregen sind für die solidarische Erarbeitung eines gemeinsamen besseren Verständnisses von der Welt.

Die Angst in der Konkurrenz und nicht die gemeinsame Entwicklungsfreude für allgemeinen Fortschritt wird so zum Beweggrund des Lernens gemacht. Bildung gelte dann als geldwerte Ware. Das fremde, ökonomische Interesse soll "Kunde Student" eigentätig mit der bornierten "Souveränität" des Zahlenden drohend gegenüber der Universität und ihren Mitarbeitern vertreten. Offene, demokratische, wissenschaftlich begründete Verständigung in Lehre und Forschung wichen vollständig einer dummdreisten Tresenmentalität. Vernunft als Handlungsleitendes Prinzip wird so entwertet und zerstört.

Diese Einschüchterungsstrategie zur kapitalinteressierten Durchsetzung von Studiengebühren richtet sich gegen die Verwirklichung und Aufhebung der hochschulpolitischen antifaschistischen Lehren von 1945 (Freiheit von Lehre und Forschung gegenüber staatlichen oder ökonomischen Verwertungsabsichten) und der emanzipatorischen Bildungsreformen der 1970er Jahre: Als Teil breit erkämpften gesellschaftlichen Fortschritts (Arbeitszeitverkürzungen, Lohnerhöhungen, Friedenspolitik, betriebliche Mitbestimmung uvm.) ermöglichte die Demokratische Massenuniversität das massenhafte gebührenfreie Studium, soziale Absicherung für alle im Erststudium (BAföG), kostenlose wissenschaftliche Weiterbildung, demokratische Mitbestimmung, lernendes Forschen und forschendes Lernen. Durch diese demokratische Offenheit förderte sie den kritischen Gesellschaftsbezug der Wissenschaften, fächerübergreifende, freie Orientierung der Studierenden und brachte viel politisches, kulturelles und soziales Engagement hervor.

Diese Bildungsreformen wurden mit der Perspektive einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der alle Menschen mündig, sozial gleich, demokratisch engagiert und solidarisch ihre Lebensbedingungen vernünftig gestalten, erkämpft.

Angesichts des krisenhaften, zunehmend offen brutalen Verfalls der kapitalistischen Gesellschaft (Krieg, Armut, Massenarbeitslosigkeit, Entsolidarisierung, Dequalifizierung) muß ihre humanistische Überschreitung durch praktische Aufklärung in neuer Qualität offensiv vertreten und angestrebt werden. Bildung für alle, problemkritische Wissenschaften, uneingeschränkte Kooperation und demokratische Verfügung über die Zielsetzung von Bildung und Wissenschaft sind entscheidend für die soziale Qualität der Wissenschaften und ihrer Institutionen. Die Politik der Einschüchterung ist Ausdruck der hysterischen Geilheit derjenigen, die für Profit und Macht diese positive Aussicht bekämpfen und die isolierende und zerstörerische Konkurrenz verteidigen und verschärfen wollen.

Wer dagegen heute aus dem neoliberalen Alltag ängstlich-selbstsüchtigen Halligallis oder apathischer Zurückgezogenheit heraustritt, wer Markt und Konkurrenz, Machtspiel und Anpassung mit anderen verlachen lernt, kann die Befreiung der Menschheit als eigene Befreiung begreifen, kann kämpfen und sich darüber respektvoll-freundschaftlich mit anderen verbinden. Wer das tut, knüpft sein Leben bewußt in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, weil er praktisch für ein höheres, weil humaneres Kulturniveau streitet. So bekommt die Welt die "Richtung zum Guten" und ein jeder historische Bedeutung.
"Sapere aude!"[2] Damit und dafür muß der Kampf gegen Studiengebühren geführt werden.

[1] Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI)
[2] "Habe Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen!" I. Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1783.